24Oktober

Weihnachtsoratorium

Alle Jahre wieder...Bachs Weihnachtsoratorium

Jauchzet, frohlocket - so schallt es wieder durch die Konzertsäle und Kirchen. Spätestens zu der Zeit, in der Supermärkte ihre Regale mit Spekulatius, Marzipan und Stollen auffüllen, also ca. Mitte September, fangen Chöre an, die Klavierauszüge des Weihnachtsoratoriums aufzuschlagen. Aufgrund der soliden bis sehr guten Ausbildungsqualität der Kirchenmusikerinnen und Kirchenmusikern samt ihrer zum Teil sehr guten Chöre stehen wir vor einem flächendeckenden, aber auch inflationären Angebot an Aufführungen.

Ich warte immer noch auf die wirklich ultimative Aufführung mit ganzheitlich historischer Aufführungsgspraxis unter Einbeziehung des sächischen Dialekts: "Joochzed, frohlochched, oof, breesed de Dache." In größeren Städten kann der Oratoriumsjunkie von einer Kirche zur nächsten pilgern, um Vergleiche darüber anzustellen, wo das Jesuskind das preiswerteste, musikalisch schönste, oder musikhistorisch perfekte Licht dieser Welt erblickt. Tante Google offenbarte z.B. für Berlin ohne lange Suche gleich 16 (2016)! Termine, darunter im Dom und der Gethsemanekirche.

Doch prekärer geht es kaum: Die Kirchen verdammen jedes Jahr aufs Neue zurecht die Weihnachtsmärkte, die gerne schon am Totensonntag ihren Probelauf beginnen, drücken aber die Augen zu, wenn ihre Kantorinnen und Kantoren gleich am 1. Advent schon mal musikalische Geburtswehen versprühen und das strahlende Weihnachtsoratoriums-D-Dur der ersten Kantate des WO's zum Eintrittspreis von bis zu höheren zweistelligen Eurosummen präsentieren. Und auch unabhängig vom WO stimmt hier etwas schon lange nicht mehr: Der eigentliche Sinn dieser Musik driftet in pseudoreligiöse Sphären hinab und verkommt zu bourgeoisen Eitelkeit der städtischen Kulturszenerien. Frohes Fest!

Martin Forciniti
5.0/5 rating 1 vote

Gepostet in Chor

Bitte Kommentar schreiben

Sie kommentieren als Gast.